W. Büttner
Ars pro Vita

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von Wolfgang Büttner

 

Weiland, wo das Wünschen noch half, lebten ein König, dessen Tochter Arenheid, ihre Stiefmutter und deren Söhne.

Arenheid, die das älteste Kind war, war so schön, dass die Sonne selber, die doch so vieles gesehen hatte, sich verwunderte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei des Königs Schlosse lag ein großer dunkler Wald. In dem Walde unter einer alten Linde war ein Brunnen, an dem das Königskind früher mit seiner Mutter manchmal gesessen.

War nun der Tag sehr heiß, lief Arenheid allein hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens, besah sich im Wasser oder tauchte ihre Goldkugel ein. Wenn sie Langeweile hatte, so nahm sie die goldene Kugel, warf diese in die Höhe und fing sie wieder; das war ihr liebstes Spielwerk.

 Froschkönigin und Froschkönig

Nun trug es sich einmal zu, dass die goldene Kugel, die sie hoch geworfen hatte, nicht in ihr Händchen fiel, sondern vorbei, erst auf die Erde schlug und dann ins Brunnenwasser rollte. Arenheid folgte der Kugel mit den Augen nach, die im Wasser verschwand. Der Brunnen war tief, so tief, dass sie keinen Grund sah. Deshalb fing Arenheid an zu weinen. Sie weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Wie das Mädchen so klagte, rief ihm jemand zu: „Was hast du Königstochter, du wehklagst ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.“

Sie sah sich um, woher die Stimme käme; da erblickte sie einen Frosch, der seinen Kopf aus dem Wasser streckte.

„Wer bist du denn? Du bist aber ein bestrickender Geselle“, sagte Arenheid.

Der Frosch antwortete: „Quak, ich bin von einer Hexe verwunschen, einstens war ich Prinz Ehrenmut.“

Sprach das Mädchen: „Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinabgefallen ist.“

„Sei still und weine nicht; steht es so, kann ich wohl Rat schaffen, quak. Ich will hinuntersteigen und dir dein goldenes Spielwerk heraufholen.“

Flugs tauchte er seinen Kopf unter, sank hinab und über ein Weilchen kam er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und plumps lag sie im Grase.

„Vielen Dank, lieber Frosch“, sprach da die Prinzessin und hob ihre Goldkugel auf. Seitdem kam sie oft allein zum Brunnen. Eines Tages nahm sie den Frosch mit ins Schloss, wo sie ihn in ihr Gemach brachte.

Von da an nahm sie ihn überall hin mit, sie waren ja jetzt Freunde. Kamen der Vater oder die Stiefmutter oder ihre Gouvernante, versteckte sie den Frosch in ihrem Bettchen. Manchmal hüpfte er auf ihre zierliche Hand und blieb da ganz ruhig sitzen; so konnten beide sich am besten unterhalten.

Arenheids Papagei freundete sich schnell mit dem neuen Gast an. Seitdem der Frosch im Schlosse war, hörten seine Bewohner den Papagei auch gelegentlich quaken.

So ging es lange Zeit, bis Arenheid ihren Frosch eines Abends küsste. Da geschah eine wundersame Verzauberung mit ihm. Er wandelte sich in den Prinzen um – in den Prinzen Ehrenmut mit schönen freundlichen Augen. Gekleidet war er in goldverzierte Seide, kostbarer Zobelmütze mit Reiherfedern auf dem Haupte und geschnäbelten Stiefeln. Aber das Schreckliche: Im gleichen Moment ward die Königstochter selber zu einem grünen Frosche.

„Ach“, sagte die Prinzessin zu ihrem Freund, „wenn ich nur wüsste, wie ich meine Gestalt zurück bekomme.“

 

Da küsste sie der Prinz; ihre menschliche Gestalt erhielt sie davon aber nicht zurück. Sie blieb ein Frosch.

Als der König die Kunde vom Verschwinden seiner Tochter erhielt, ward er arg betrübt, wie ihr euch denken könnt.

 

Prinz Ehrenmut kannte niemand und Glauben wollte ihm am Königshofe auch keiner so recht schenken, als dieser an die Brüder gewandt auf den Frosch zeigend versicherte:

 

„Liebe Knaben, glaubet mir.

Eure Schwester sitzet hier.“

 

Allein der König ward nach des Prinzen Worten nachdenksam.

Manche Edelleute hielten den fremden Prinzen für einen Narren, weil er so etwas behauptete. Arenheids junge Stiefmutter wollte keinen Frosch im Schlosse dulden. Sie sprach: „Schafft mir sofort dieses hässliche Untier vom Hals oder ich zertrete es!“

Auch Arenheids Stiefbrüder erklärten, sie würden sich vor dem glitschigen Wasserpatscher gar sehr ekeln, außerdem sei er viel zu kalt; während die Gouvernante, die sich arg entsetzte, als sie den Frosch sah, zu berichten wusste, es bekäme Warzen im Gesicht, wer eine Kröte berühre. Arenheids Katze dagegen konnte den Frosch gut riechen.

 

„Quak, lieber Vater, hört mich an.

Auf mir liegt ein schwerer Bann.

Des Prinzen Worte, die sind wahr.

Prinzessin Arenheid ich vormals war.“,

 

sprach der Frosch zum König.

Die hochgemute Königin blickte düster drein und rief: „Sie lügt. Diese garstige Kröte kann niemals ein Mensch sein, eine edle Prinzessin schon gar nicht.“

 

Dem Herrscher behagten die Worte seiner Gemahlin wenig. Er wollte wissen, was es mit dem sprechenden Frosche für eine Bewandtnis habe. Prinz Ehrenmut sei fortan sein Gast im Schlosse. Der König befahl, dass, solange er sein geliebtes Töchterlein nicht wieder in die Arme schließen könne, niemand dem Frosche etwas zu Leide tun dürfe und er sprach: „Dieser Frosch darf mit an unserer Tafel sitzen, von Arenheids goldenem Tellerlein essen und aus ihrem Becherlein trinken.“

Arenheids Stiefmutter dagegen wurde nicht müde Zwietracht zwischen dem Frosch und ihren Söhnen zu sähen. Sie trachtete schließlich danach, den Frosch für immer aus dem Weg zu schaffen. Beim Abendmahl tat sie mit den Worten: „Wohlan! Da hast du Honig, damit deine Milch schön süß schmeckt“, vor aller Augen einen Löffel Bienenhonig in des Frosches Trinkbecherlein, denn sie wusste, Frösche werden davon blind. Allein, der Frosch, der ganz am Ende der Tafel sitzen musste, rührte den Becher nicht an.

 

* * *

Als seine Majestät einmal mit seinen Jägern und der Hundemeute zur Jagd geritten war, befahl die Königin: „Ich kann dieses Gequake nicht mehr ertragen, jetzt quakt auch schon der Papagei; werft die Lügenkröte endlich hinaus! Sie ist so kalt und glibberig.“ Aber sowie ihr Diener den Frosch, der ja die Prinzessin war, am Bein gepackt und hinausgesetzt hatte, hüpfte dieser zur Schlosstüre und klopfte an. Dabei sprach er die Worte:

 

„Liebe Brüder, lasset mich rein.

Ich bin euer verzaubertes Schwesterlein.

Quak.“

 

Erzürnt riss die Königin das Portal auf, ergriff den Frosch und schleuderte ihn mit allen Kräften auf die steinerne Schlosstreppe.

„Teufel! Dich alte Giftkröte werd ich lehren, meine Ruhe zu stören!“, schrie sie.

Als das geschehen war, erhob sich gleich darauf vor ihr auf den marmornen Stufen die Königstochter in ihrem schneeweißen Kleide, die sie mit ihren großen braunen Augen ansah. Durch den Sturz auf die Schlosstreppe ward der Zauberbann gebrochen.

Da erschrak die ergrimmte Königin, fuhr zusammen und ward ganz bleich.

 

Dies alles sah und hörte der König, der soeben von der Jagd heimgekehrt war. Wie freute er sich, als er seine erlöste Tochter wieder hatte. Alle Geschwister, seine Gefolgschaft und der ganze Hofstaat kamen freudig herbeigelaufen und wollten die Prinzessin sehen. Sie riefen: „Prinzessin Arenheid ist wieder da! Prinzessin Arenheid ist wieder da!“

Selbst der Papagei stimmte mit ein: „Quak, die Prinzessin ist wieder da, die Prinzessin ist wieder da! Quak.“

Die Katze hob ihren Schwanz und strich um Arenheids Beine; auf dem Dache die Tauben gurrten, die Pferde wieherten, sämtliche Hunde kamen und wedelten mit den Schwänzen und alle Vögel im Schlossgarten tirilierten laut. Auch der junge Prinz trat eilends herzu, ergriff Arenheids Hand und frug die Entzauberte, ob sie mit ihm in sein Reich komme.

Arenheid antwortete: „Ja, mein Lieber.“

Anderntags ward vom König aber ein prunkvolles Fest angestellt, wie es im Reich noch nie eins gegeben hatte, das drei Tage dauern sollte.

 

Schon bald hörte man im ganzen Königtum die Leute sage: „Hast du schon gehört? Die Königstochter ist wieder da!“

Gar nicht lange, da kam eine Kutsche herangefahren, mit acht weißen Pferden bespannt, die hatten weiße Straußenfedern auf dem Kopfe und

gingen in goldenen Ketten. Prinz Ehrenmut hob Arenheid in seine Kutsche und fuhr mit ihr in sein Reich zu seinem Schloss.

 

* * *

Zur Strafe für ihren Frevel musste Arenheids Stiefmutter in den tiefen Brunnen steigen, wo sie nur einen Löffel Honig pro Tag zu essen bekam.

Und wenn dieselbe nicht gestorben ist, so schmachtet sie da unten noch heute.